Ist Treue heute noch zeitgemäß?

Ist Treue heute noch zeitgemäß?

Treue ist ein zweischneidiges Schwert. Sie muss einerseits eingehalten werden für einen anderen Menschen. Aus Liebe und Verpflichtungsgefühl demjenigen gegenüber, mit dem man eine Beziehung eingegangen ist. Anderseits muss Treue gar nichts, denn sie ist das Resultat der wahren Liebe und des andauernden Glücks…

Untreu werden ist ein Prozess

Letztendlich ist untreu zu sein eher der Prozess des untreu-werdens. In einer Beziehung, in der es gut läuft, beide Partner sich verstanden fühlen und glücklich sind, wird es nicht zu einer Situation kommen, in der einer der Partner eine interessante Person kennenlernt und sich auf sie einlässt. Ein glücklicher Partner würde sich über den netten Kontakt freuen, ihm oder ihr ein Kompliment machen für was auch immer ihn ausmacht und dann im Zweifel auf das eigene Glück mit dem tollen Partner verweisen. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Wenn aber ein Pflänzchen des Unglücks in der Beziehung gesät ist, unausgesprochene Dinge zwischen den beiden Partnern stehen und einer sich nicht verstanden fühlt, dann kann etwas anderes passieren. Wenn einfach etwas fehlt, das unter Umständen nicht einmal klar benannt oder definiert werden kann, dann ist die Tür einen spaltbreit offen für einen anderen Menschen, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Worte sagt - und das Falsche wird passieren.

Frau und Mann unterhalten sich auf Parkbank und lachen.

Der Treueschwur ist ein Zugeständnis und ein Eingeständnis

Treue bedeutet Exklusivität. Sie bedeutet, dass wir uns auf Monogamie und einen festen Sexualpartner festlegen, den Menschen, mit dem wir bestenfalls den Rest unseres Lebens verbringen wollen. Soweit der Plan. Heute verschiebt sich die Familienplanung oft nach hinten, Beziehungen haben einen ganz anderen Stellenwert und eine ganz andere Bedeutung. Fast jeder hat wechselnde Partner, probiert sich aus, bevor er sich dann tatsächlich bindet. Früher war das nicht so einfach. Da wurde früh geheiratet und dann blieb man zusammen. Punkt. Und noch heute ist der Treueschwur bei einer Eheschließung das Zugeständnis an den Partner, ihm nicht wehzutun, und ein Eingeständnis an sich selbst, alles dafür zu tun, damit erst gar keine Situationen aufkommen können, die eine Untreue auslösen können.

Der Ringtausch bei einer Hochzeit in Nahaufnahme.

Eine Beziehung braucht Liebe und Zeit

Individuelle Lebensgestaltung und Selbstverwirklichung standen noch nie so weit oben auf der Agenda wie in der heutigen Zeit. Und sie waren aufgrund der weltweiten Mobilität und Vernetzung auch noch nie so einfach umzusetzen. Wie hat da bei zwei Menschen eine Beziehung Platz, die viel Zeit, Liebe und eben auch Treue verlangt? Bedeutet Liebe nicht auch, sich für den anderen ein wenig zurückzunehmen, nicht nur die eigenen Träume und Ziele zu verwirklichen, sondern mit dem Partner zusammen neue Pläne für eine gemeinsame Zukunft zu schmieden?
Doch so modern unsere Zeiten auch hinsichtlich der Öffnung der Ehe für jegliche sexuelle Orientierung geworden ist, Treue und Ehe sind die konservativsten Gelübde überhaupt. Wie passt das mit dem modernen Zeitgeist zusammen. Sich festzulegen ist doch heute gar nicht mehr so in. Und doch ist Treue etwas, das für uns zu einer Beziehung dazugehört. Ohne die Liebe wäre das Leben eben nur halb so schön. Und jeder Topf, der seinen Deckel gefunden hat, wird wissen warum es sich lohnen kann, das Ich und die Selbstverwirklichung hinten anzustellen und sein ganz persönliches Glück mit dem besten Menschen der Welt zusammen zu finden. Dabei müssen sich Liebesglück und Selbstverwirklichung gar nicht ausschließen.

Verliebtes Paar umarmt sich, er küsst sie auf die Wange.

Treue ist mehr als sexuelle Exklusivität

Die erhöhte Mobilität und die vielen Reisen und Möglichkeiten die Welt zu erkunden, zeigen eben auch die Schattenseiten des treibenden Lebensstils. Alleine kann man auch schnell einsam werden, denn die vielen Menschen, die man auf Reisen kennenlernt, sind doch nur oberflächliche Bekanntschaften und nur wenige von ihnen werden zu wahren Freunden, die einen auf dem weiteren Lebensweg begleiten. Da werden ein Zuhause und ein Mensch, der einem Halt gibt, der auf einen wartet, wenn er denn nicht mitreist, immer wichtiger. Wir alle brauchen jemanden, bei dem wir ankommen können. Und genau hier zeigt sich, dass Treue noch so viel mehr ist, als sexuelle Exklusivität. Sie ist ein Versprechen und eine Hoffnung darauf, dass wir jemandem so wichtig sind, dass er für uns auf den Rest der Welt pfeift. Dass er da ist, wenn wir ihn brauchen, und auch wenn wir ihn nicht brauchen.

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